Erinnerungen von Wegbegleitern & Ratsuchenden

Folgende Interviews wurden in den Jahren 2002/03 mit verschiedenen Menschen, die Pater Thomas gekannt haben, ihm begegnet sind, bei ihm Rat geholt oder einen Zeitabschnitt mit ihm verbracht haben, geführt.  

 

 

S.C., Müstair, 16. Juli 2003

 

Wir haben schnell gemerkt, dass Pater Thomas eine gesunde Kost für Leib und Seele wollte. Da hat er fest darauf gedrängt. Er hat das klösterliche Leben von Disentis hier weitergeführt. Er war gar nicht anspruchsvoll. Ganz und gar nicht. Er hat hauptsächlich immer auf ein gesundes Essen geschaut. Ich war auch in der Küche in dieser Zeit und er wollte kein Fett, aber sehr gerne hatte er seine Haferflocken. Es wäre schade gewesen, wenn die rationiert gewesen wären. Die hat er sehr gern gehabt und er hat auch fest gearbeitet.

 

Es kamen sehr viele Menschen zu ihm – er hat ja gependelt. Wenn man gesagt hat, er solle doch zum Essen kommen, ein bisschen früher aufhören und die Leute in Gottes Namen ein bisschen früher gehen lassen, hat er einmal ganz energisch gesagt: «Ich kann nicht auf meinem Misthaufen sitzen.“

 

Mit uns war er sehr dankbar für alles, was wir gemacht haben. Er hat immer seine Anerkennung gezeigt. Er hat gesagt: „Ihr arbeitet viel.“ Und dann im Herbst, wenn die Arbeit im Garten und überall fertig war – wir gingen auch aufs Feld – dann hat er uns immer eine Freude gemacht und hat zwei- dreimal eine Kiste Trauben gekauft. Das haben wir gerngehabt, sehr gern. Wir konnten uns die Trauben nicht selbst kaufen. Das hat er immer als Anerkennung für die gute Arbeit gemacht.

 

Pater Thomas hat auch immer geschaut, dass wir das klösterliche Leben, hauptsächlich das Stillschweigen halten. Grosses Silentium haben wir am Abend, wenn es läutet. Sonntags um 19.45 Uhr läutet das Ave-Maria. Und bis am nächsten Morgen darf niemand reden, ausser im Notfall. Unten in der Küche und an der Pforte geht’s halt manchmal laut zu und wenn Pater Thomas etwas betrachtete oder gebetet hat und uns hörte, rief er: „Still!“. Also er war streng, aber ich bin froh darüber.

 

An den Sonntagen hat er immer einen Vortrag gehalten. Entweder zur Bibel oder wenn etwas in der Welt draussen geschehen war, so hat er uns das erklärt und gesagt, warum und ob das gut oder schlecht war. Und hie und da war er so in Eifer, dass er auf den Tisch geklopft und nach einer Weile gesagt hat: „Ach Entschuldigung, ich dachte es seien andere da.» Da war er ganz streng.

 

Pater Thomas hat uns immer gesagt, was man versprochen hat, soll man auch halten. Und das ist so. Bei der Profess versprechen wir Beständigkeit des Ordens und Gehorsam und der Gehorsam geht halt nicht immer ganz gut, oder leicht, könnte man sagen. Er hat uns dann immer aufgemuntert und gesagt wir sollen es so machen und wenn es nicht gehe, sollen wir mit den Oberen reden und dann wird’s eine Erleichterung geben.

 

Einmal hat er mich ausgependelt und gefragt: „Was haben sie auf der Schulter?“ «Ich habe mit Heu umkehren weh getan und jetzt will’s nicht heilen.» «Zuerst legen sie Kabis auf und nachher reiben sie mit Olivenöl ein.» Ich muss sagen, das hat mir sehr gut geholfen. Aber ich habe auch Ausdauer gehabt. Ich habe die Kur ein ganzes Jahr gemacht. Jeden Tag und wenn es entzündet war, dann durfte ich kein Kabis drauf tun, dann musste ich Olivenöl nehmen. Ich habe dann immer, wenn ich eingerieben habe, ein altes Tuch draufgelegt, damit es nicht das ganze Bett verschmieren konnte. Gestunken hat es schon manchmal, aber es hat geholfen. Ich muss sagen es hat mir immer geholfen. Einmal habe ich Pater Thomas gesagt: «Wenn ich Olivenöl einreibe, werde ich rot und es brennt. Darauf hat er gesagt: «Ja, ist es nicht das kalt gepresste Olivenöl?» Darauf hatte ich nicht geachtet. Nachher hat er immer den Patienten geraten, das kalt gepresste Olivenöl zu gebrauchen, weil das andere mit der Zeit ranzig wird. Ja ja, er hat viele Tipps gegeben. Kabis auflegen und einreiben. Das haben viele gemacht.

 

Es sind sehr viele Menschen zu Pater Thomas gekommen. Einmal ist eine evangelische Frau aus dem Engadin gekommen. Sie kam in die Kirche, ich war zu dieser Zeit in der Küche am Putzen. Sie hat gefragt, wo die Maria sei. Ich habe ihr darauf die Kapelle gezeigt. Sie sagte, sie habe sechs Kinder. Das dritte oder das vierte, das weiss ich nicht mehr genau, dass hat so Kopfschmerzen gehabt, dass es immer an die Wand geschlagen und immer geschrien hat. Die Aerzte haben gesagt: «Ja, sie müssen das Kind in ein Spital oder in eine Erziehungs- oder psychiatrische Anstalt bringen.» Die Frau hat zum Arzt gesagt: «Bevor ich das mache, gehe ich nach Müstair zum Pater Thomas.» Der Arzt hat gesagt, sie solle nur gehen. So ist sie zu uns gekommen und Pater Thomas hat das Kind ausgependelt und gesagt, das Kind habe am Nacken einen Knopf und das müsse aufgelöst werden. Nachdem sie die Kur eine Weile durchgeführt hat, sei es sei ganz rot geworden, worauf sie gleich Pater Thomas angerufen habe um ihm davon zu berichten und zu fragen, was sie nun tun müsse. Er sagte ihr, sie solle keinen Kabis mehr auflegen und nur mit Olivenöl einschmieren, aber ganz ganz sachte. Die Frau hat die Kur weiter gemacht, bis Eiter oder Wasser an der Stelle, wo der «Knopf» war, rausgekommen ist. Sie hat weitergemacht und ihn gefragt, ob sie noch mal kommen dürfe. Das Kind hatte inzwischen nicht mehr die grossen Kopfschmerzen. Ob es ganz gut geworden ist, weiss ich nicht. Die Frau wollte Pater Thomas eine Freude machen, die er mit folgenden Worten abgelehnt hat. «Ich brauche nichts. Gehen Sie in die Kirche und danken sie Gott und Maria.» Ich habe die Frau später noch einmal gesehen und sie hat mir gesagt, dass der Bub die Schule weiterhin besucht und jetzt in der 3. Sekundarschule sei. Sie sagte auch, dass sie dem Pater sehr dankbar sei.

 

Andere sind auch gekommen und haben Hilfe erhalten. Ich glaube die Hilfe von Pater Thomas war nicht so viel für den Körper, sondern vielmehr für die Seele und den Geist. Dass die Menschen auf bessere Wege kommen und auf bessere Gedanken. Das war glaube ich mehr seine Tätigkeit mit dem Pendel.

 

Es war sehr schwer für Pater Thomas als er nach Disentis musste. Er hatte Parkinson. Wir konnten ihn nicht mehr pflegen. Es war schon von Anfang an abgemacht, wenn es mal so weit kommen würde, dass man ihn pflegen muss, dann würde er nach Disentis zurückkehren. Ich glaube, er ist nicht ungern gegangen. Ich weiss es nicht, er hat sich nie geäussert. Es war vielleicht schwer, die ersten Tage, aber er hatte eine gute Betreuung durch den Bruder Franz in Disentis. Das ist ein ganz Guter.

 

Wir haben am Anfang seine Tätigkeit vermisst und er war nicht mehr da zum Essen. Wenn er konnte, war er pünktlich zum Essen, aber es kam vor, dass er am Abend spät zum Nachtessen kam. Ja, dann waren wir halt auch nicht zufrieden in der Küche. Das Essen musste warmgehalten werden und dann war es nicht so gut. Er hat aber nie reklamiert über das Essen. Das hat er nie gemacht.

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R.C., Chur, im Herbst 2002

 

Ich habe Pater Thomas schon als Kind kennengelernt. Er kam als Seelsorger nach Siat zum Aushelfen, als ich noch nicht in die Schule ging. Meine älteren Schwestern gingen zu dieser Zeit zu ihm in den Unterricht. Ich habe ein Foto, auf dem er mit der ganzen Klasse der 1. Kommunikanten vor der «Casa Parvenda» steht. Seit dieser Zeit bin ich immer wieder auf Pater Thomas aufmerksam geworden. Er hat jeweils den Rapport des Festes von «Sogn Placi» verfasst. Nach solchen Festen gab es grosse Artikel in der «Gasetta Romontscha» von Pater Thomas und man las auch sonst immer wieder von ihm.

 

Besser kennengelernt habe ich Pater Thomas, als ich als Sekundar-Lehrer ins Münstertal gekommen bin. Das war im Jahr 1977/78. Da habe ich die Gelegenheit gehabt jeweils zu den Mittag- und Morgenessen in das Kloster «Sogn Gion» zu gehen. Ich habe die Mahlzeiten mit Pater Thomas genossen. Er kannte mich wie oben erwähnt von früher aus Siat. Er wusste genau, woher ich kam. Ich habe ihn als sehr autoritären Menschen kennengelernt. Aber auf der anderen Seite auch als wohlwollender und guter Mensch. Es war interessant, wenn er am Tisch sass. Er erzählte immer von allen möglichen Dingen, die geschehen waren. Auch aus seinem Leben. Als Jugendlicher hatte Pater Thomas Konditor in der Konditorei seiner Eltern gelernt. Einmal hat er erzählt, dass ihm sein Vater am ersten Ausbildungstag gesagt hat, er sei von nun an nicht mehr sein Sohn und dass er nicht mehr Rechte hätte als die anderen Lehrlinge. Er hatte eine sehr strenge Erziehung zu Hause. Das hat er immer wieder betont.

 

Ich habe auch gehört, dass er Diskussionen mit Leuten, die im Kloster ihre Ferien verbrachten, geführt hat. Das waren in der Regel Verwandte der Ordensschwestern. Und wenn sie dann auf die Religion zu sprechen kamen, wenn jemand einen Zweifel hatte, dann konnte er sehr energisch werden. Dann konnte er seine Stimme heben und klar sagen, wie die Dinge für ihn standen. Dort kannte er keinen Spass. Ich erinnere mich daran, dass Pater Thomas ausserordentlich gerne Crèmeschnitten ass. Er mochte allgemein sehr gerne Patisserie und das wussten die Ordensschwestern, die dafür sorgten, dass es bei jedem Feste Crèmeschnitten gab. Daran hatte er sehr Freude.

 

Ich bin auch dagewesen, wenn er Besuch hatte. Er hatte viel Besuch. Zum Beispiel vom Abt von Disentis. Ich musste ihn dann jeweils abholen, wenn er mit dem Postauto kam. Ich machte das gerne und ich genoss die Gesellschaft von diesen zwei Persönlichkeiten.

 

Schon von Anfang an habe ich gesehen, dass er sehr viele Patienten hatte, die zu ihm kamen. Vor allem Patienten, die von weiter herkamen. Die von den umliegenden Dörfern weniger. Die vom Tirol kamen in richtigen Scharen. Die sah ich, wenn ich jeweils zum Essen kam, wenn sie an der Pforte warteten. Es konnte auch passieren, dass Pater Thomas keine Zeit hatte zum Essen zu kommen oder nicht rechtzeitig kam, weil er so beschäftigt mit seinen Patienten war. Manchmal hörte ich, dass er ganz plötzlich zu sehr schwer kranken Menschen ins Tirol gefahren wurde. Diese Menschen hatten ein sehr grosses Vertrauen in Pater Thomas, wahrscheinlich weil er ein Pater war, weil er einen speziellen Respekt genoss.

 

Am Abend ging er viel nach draussen. Ich sah ihn manchmal, wenn ich irgendwo unterwegs war, dass er sogar in der Kälte und Dunkelheit noch draussen spazieren ging. Manchmal ging er recht weit, trotz aller Kälte. Im Sommer ging er auch ab und zu in die Berge. Er sagte, es sei gesund in die Höhe zu gehen und irgendwo mit nacktem Po in einen Brunnen oder in einen Ameisenhaufen zu sitzen. Davon erzählte er oft.

 

Manchmal war eine oder die andere Schwester im Spital in St. Maria. Dann musste ich nach dem Mittagessen mit Pater Thomas dahinfahren und dort warten, bis er wieder kam. Dafür hat er mich ein Buch auslesen lassen.  Auch mit seiner Haushalthilfe war er sehr gut. Sehr anständig.

 

Seine Patienten waren für Pater Thomas sehr wichtig und sie hatten angefangen sehr häufig zu kommen. Er erzählte, die Ärzte hätten nicht sehr gerne, dass die Patienten zu ihm kämen, weil sie ja dann den Ärzten fehlten. Ich glaube, dass es dann irgendwann dazu gekommen ist, dass sie ihm verboten haben zu praktizieren. Er dürfe keine Patienten empfangen, er müsse ein Examen ablegen, wurde ihm gesagt. Pater Thomas hat sich dann für dieses Examen vorbereitet. Er hat mir Skizzen gezeigt, die er von den Organen des Körpers gemacht hat. Von den Funktionen des Körpers hat er mir erzählt. Ich kann allerdings nicht sagen, ob er das Examen gemacht hat oder nicht. Ich weiss nur, dass die Patienten weiter zu ihm gekommen sind und dass er ihnen gesagt hat, er verbiete es nicht ihn aufzusuchen. Er hat keine Werbung gemacht. Wenn Pater Thomas etwas Schwerwiegendes feststellte, oder eine Krankheit ausgependelt hatte, die sehr weit fortgeschritten war, riet er dem Patienten einen Arzt aufzusuchen. Er hat zu mir gesagt, er sei niemals Risiken eingegangen, dass er nie jemanden davon abgehalten hätte zum Arzt zu gehen.

 

Ich habe Pater Thomas als einen sehr wohlwollenden, sehr angenehmen Mann kennengelernt, der keine Spässe kannte (per causas da cardientscha).

Ich sah, dass er es gar nicht gerne hatte, wenn die Leute nicht gut angekleidet in die Klosterkirche gingen. Vor allem tolerierte er nicht, wenn die Frauen mit kurzen Ärmeln und kurzen Hosen in die Kirche gingen. Das hatte er auf einen Zettel geschrieben und vor der Kirche aufgehängt. Der war immer da in der Zeit als er im Kloster war. Da konnte er sehr streng sein.

 

Sein Pendel benutzte er auch ausserhalb der Pendeldiagnose für einen Patienten. Einmal hatte jemand einen Stein auf ein Auto geworfen und es hatte eine Beule gegeben. Da hat er gesagt, er schaue gleich einmal, ob das ein Junge oder Mädchen sei, der den Stein geworfen habe. Das kam mir sehr lustig vor.

 

Wenn jemand nicht zu ihm kommen konnte, konnten die Patienten oder Angehörigen ein Foto schicken oder Kleidung mitnehmen. Dann konnte er aufgrund des Fotos oder der Kleidung sagen, was diese Person hatte. Er hat mir auch immer wieder von Kindern erzählt, die nicht schlafen konnten. In diesem Fall sagte er: «Stellt das Bett auf einen anderen Platz und versucht es.» Er erzählte von den Wasseradern, die bewirkt hatten, dass die Kinder nicht schlafen konnten und dass ein Umstellen des Betts guten erholsamen Schlaf brachte.

 

Pater Thomas erzählte mir, dass er den Patienten Präparate von Pfarrer Künzle empfahl. Und dann natürlich Kabis und Olivenöl um die Kur durchzuführen.

Kabis und Olivenöl, das war wirklich die Hauptsache. Er sorgte dafür, dass im Klostergarten Kabis gepflanzt wurde denn davon brauchte er natürlich auch für sich. Er riet auch den Schwestern, Kabis aufzulegen. Das war für ihn sehr wichtig.

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B.C., Müstair, 15. Juli 2003

 

Ich hatte Probleme mit dem Speichel. Am Morgen, wenn ich aufgestanden bin und den ersten Bissen genommen habe, war es richtig angeschwollen im Mund.  Ich bin zu Pater Thomas runtergegangen und er hat gesagt ich müsse keine Angst haben. Dann hat er gependelt und gesagt mein Blut und alles sei in Ordnung. An diesem Tag konnte ich nichts mehr essen. Ich war wie blockiert. Eine Zeitlang war alles gut und dann hatte ich das Problem wieder, worauf ich zum Doktor gegangen bin. Dieser sagte mir, es könne von den Zähnen kommen, ich solle zum Zahnarzt gehen, um zu schauen ob da was sei. Der Zahnarzt hat alles kontrolliert und nichts gefunden. Er konnte sich nicht erklären, wo das Problem herkam.

 

Das mit dem Speichel passierte immer am Morgen. Manchmal ging das eine Woche, manchmal auch weniger. Dann konnte ich nur ein bisschen Suppe essen. Ich war sehr unruhig wegen dieser Sache. Ich habe mich wieder an Pater Thomas gewendet. Er sagte, ich könne ruhig sein, ich brauche keinen Arzt, es sei alles in Ordnung. Und dann bin ich trotzdem noch einmal zum Zahnarzt. Er hat mir eine Krone gezogen, damit ich mal «Ruhe» habe, wie er mir sagte. Danach ist alles wie vorher weitergegangen. Pater Thomas sagte mir wo ich Kabis auflegen und Olivenöl einreiben musste. Ich habe diese Kur sicher während drei Jahren gemacht. Ich bin manchmal am Abend, wenn ich schon im Bett war, nochmal aufgestanden und den Gang herunter gegangen um Kabis zu holen. Ich habe regelmässig Kabis aufgelegt und immer mit Olivenöl massiert. Der Zahnarzt sagte mir, dass er mich nach seinem Militärdienst operieren werde. Er wollte aufschneiden und schauen was das Übel sei. Kurz danach habe ich in der Nacht etwas in meinem Mund gespürt, was sich als Pfefferkorn entpuppt hat. Am nächsten Tag bin ich damit zu Pater Thomas, der zunächst schelmisch gelacht hat. Als der Zahnarzt zurückgekommen ist habe ich ihm vom Pfefferkorn und der Kur erzählt die ich gemacht habe. Er sagte, er hätte nie gedacht, dass ich mit der Kur Erfolg haben würde, und er hätte mir sicher davon abgeraten, wenn er es gewusst hätte.

 

Ich hatte immer ein Zutrauen zum Pater Thomas und nachdem er gestorben ist, habe ich in sehr vermisst. Ich habe mir gedacht, dass jemand ganz wichtiges nicht mehr da ist. Er hatte immer Heimweh nach Müstair und wäre so gerne hiergeblieben. Aber die Klosterfrauen sind eben alle etwas älter und hatten nicht die Zeit und Kraft, um ihn zu pflegen. Die letzte Zeit hier war er fast nur im Rollstuhl. Er wäre so gerne hiergeblieben und auch hier begraben worden. Das hatte er mit meinem Mann – er schaut zum Friedhof - schon besprochen. Er hat mit ihm darüber geredet, wo es ein Plätzchen für ihn hätte. Mein Mann wollte ihn so gerne hierbehalten, aber die aus Disentis haben das nicht zugelassen.

 

Wir sind später nach Disentis gefahren, um Pater Thomas zu besuchen. Er mochte es sehr, wenn die vom Münstertal gekommen sind, um ihn zu sehen. Er hatte immer grosse Freude.

 

Mein Mann hat berichtet, dass Pater Thomas oft im Friedhof barfuss hin und her gelaufen ist und den Rosenkranz gebetet hat. Barfuss laufen sei gut für die Zirkulation, hat er gesagt.

 

Mein Mann hatte einmal so fest Fieber, er war sonst nie krank. Ich bin gleich zu Pater Thomas gegangen, der sofort mit zu meinem Mann gekommen ist. Er sagte, das Fieber komme von den Nieren. Nierenbeckenentzündung. Wir haben dann Salzwassersocken gemacht. Die Socken haben wir in Salzwasser gelegt und nachher meinem Mann angezogen und ihn gut zugedeckt. Die Matratze haben wir vorher mit einem Frottiertuch geschützt. Bis am Abend war das Fieber weg. Mein Mann hatte später nie mehr etwas mit den Nieren oder sonst eine Krankheit. Wir hatten ein grosses Vertrauen zu Pater Thomas.

 

Ich selbst habe die Kur auch immer wieder angewendet. Wenn die Schulter schmerzte, wenn die Hüfte schmerzte, immer Kabis. Gerade lege ich auch wieder Kabis auf. Fleissig muss man die Kur machen, sonst hilft es nicht. Man muss schon Ausdauer haben.

 

Eine Zeit lang habe ich sehr schlecht geschlafen. Dann ist Pater Thomas zu mir heraufgekommen und hat gesagt, das Bett liege auf einer Wasserader. Ich solle das Bett rüber an die Wand schieben. Nachher war ich viel ruhiger und konnte gut schlafen.

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P.B., Obersaxen, 05. März 2002

 

Ich habe Pater Thomas als Lehrer kennengelernt. Im ersten Jahr hat er mich Buchhaltung gelehrt, im zweiten Jahr Religion. Er erzählte mir von Apologetik, das heisst Glaubensverteidigung. Das hat sich natürlich gewaltig angehört und dabei war es einfach der Katechismus und wir haben es halt nicht gemerkt. Pater Thomas hat immer gesagt er hätte Mühe mit den Schuhen, da hat er sie aufgeschnitten, damit die Füsse Luft bekommen und wir sagten, wir hätten den Käse. Er sagte, die Füsse einzuschliessen sei nicht gut und er ist, wenn immer möglich in Sandalen herumgelaufen. Er hat auch immer, wenn er irgendwo hin gegangen ist, vor allem im Winter, den Mantel mitgenommen, damit er keine Erkältung bekam.

 

Er hat erzählt, wie das gegangen ist mit dem Pendeln. Da hatte ein Kind einen Plastikbändel. Pater Thomas hat diesem Kind etwas gegeben und ihm den Bändel abgenommen. Damit hat er gependelt und gemerkt, dass er das kann und hat viele Sachen rausgefunden und den Leuten helfen können. Die Walliser, die gekommen sind, die haben nur so gestrahlt. Der Bankchef von Brig, den habe ich selbst gut gekannt. Der ist gekommen und hat gesagt er hoffe, dass er geflickt werde. Oder der Professor soundso, den hat er zwei Stunden warten lassen, aber nachher hat er ihn geflickt und ihn anschliessend zum Mittagessen eingeladen. So originelle Sachen. Ich habe ihn immer gefragt, warum er nicht Brüche diagnostizieren könne. Pater Iso ist die Treppe runterfallen und hatte darauf einen Oberschenkelhalsbruch. Pater Thomas hat gependelt und gesagt, es sei verstaucht. Maria seine Hausdienerin ist auf dem Eis draussen ausgerutscht und ist den ganzen Tag herumgelaufen. Pater Thomas hat gesagt: «Nüt isch, nüt isch». Am Abend ist sie ins Spital gegangen. Der Doktor hat geschimpft und gesagt, was ist denn hier los. Sie laufe seit einem halben Tag mit gebrochenen Knochen umher und das sei nicht gut. Dann hat Pater Thomas immer gleich gesagt, das Pendel hätte das nicht angegeben. Er hat er gesagt, er habe gemeint er wisse es. Das ist wie überall wo wir sind wo wir etwas können kommt man einfach an seine Grenzen. Auch mit meiner Mathematik, irgendwo ist einfach fertig. Ich war wohl einer der 20 besten von 1200 Studenten, die in Fribourg Examina gemacht haben. Ich habe einen 5er gemacht, 6er hats keine gegeben. Und Pater Thomas hat auch auf seinem Gebiet gewisse Grenzen gehabt. Ich schätze etwa 80% hat er heilen können. Ausser wenn es klar war, wenn er am liebsten gehabt hätte, wenn sie nicht mehr gekommen wären. Das muss man auch wieder sagen, er hat gesagt da kann man nichts mehr machen. Ja wenn die Stunde schlägt, da kann der Beste nichts mehr machen. Pater Thomas war ein sehr guter Buchhaltungslehrer. Ich habe ja schon gesagt, er war ein Bäcker. Er kam von einem Geschäft. Eigentlich Konditor, ich darf nicht sagen Bäcker. Er ist von einer Konditorei gekommen, hat dort gelernt zu rechnen, die mussten das ja. Er hat im Koster auch gut gerechnet und hat eine sehr gute Buchhaltung geführt. Er hat auch die Klosterbuchhaltung von Disentis gemacht. Im zweiten Jahr hat er Religion unterrichtet. Eine super Religion, eben diese Apologetik, das war also gut. Nachher ist er nach Rumein gekommen. Ungern, er ist nicht gerne gegangen und hat nach 12 Jahren gehofft, er könne zurück ins Kloster. Er wäre gerne zurück ins Kloster gegangen, aber der neue Abt, der Anno 1963 gewählt worden ist, hat gesagt er brauche ihn für Müstair und Pater Thomas hat schweren Herzens Abschied genommen von Rumein und ist schweren Herzens nach Müstair gegangen und schlussendlich war es ihm dort wohler als auf der ganzen Welt. Als sie Pater Thomas wieder heimgeschickt haben, diese Klosterfrauen, also die Priorin gefunden hat, er solle jetzt nach Hause gehen, was ich nie begriffen habe, dann ist er sehr ungern gegangen und zwei Jahre in Disentis oben, hat er noch ganz von Müstair gelebt. Die Priorin hatte schon die ehemalige Priorin und andere Leute fortgeschickt, sie hatte einfach diese Methode, sie ist keine schlechte Priorin, aber menschlich…, gerade für Pater Thomas, den das so getroffen hat.

 

Pater Thomas hat für seine Gesundheit immer sehr viel getan. Er ist rausgelaufen aufs Feld und irgendwo in der Dunkelheit bei einem Bach untergetaucht. Ich habe manchmal gedacht, hoffentlich kommt er wieder heim. In dem kalten Wasser, aber es ist gut gegangen. Wegen seinem Parkinson, worunter er sehr gelitten hat, hat ihm einmal der Doktor Spinnler, der Tal-Arzt gesagt: «Sie Pater Thomas, wir haben auch gute Medikamente.» Da hat er gependelt und es ist ein bisschen anders herausgekommen. Ich habe die grossen Erfolge gesehen, die er hatte. Ich habe gesehen was ihm nicht gelungen ist.

 

Er hatte sehr Freude als er mir Fotos von Kindern gezeigt hat, die er heilen konnte. Von Leuten, die er heilen konnte und ich habe natürlich die Leute, durch das ich mit dem Wallis so verbunden war, gekannt. Ich bin nachher noch mal für zwei Jahre ins Wallis und die Leute sind immer zu mir nach Brig gekommen und ich musste ihnen sagen, ich könne da leider nicht helfen. Ich könne schon pendeln, aber es nütze nichts.

 

Pater Thomas hat sehr gesund gegessen und wenig Wein getrunken. Er hat zu mir nie gesagt ich solle aufpassen. Professor Belwald in Brig hat 1975 schon mir gesagt, Herr Pater, sie gehen immer zu spät ins Bett und sie trinken zuviel Alkohol, auch sollten sie das Rauchen sein lassen. Er hat mich einmal im Jahr durchgependelt und ich habe gedacht ich befolge diese Ratschläge wenn es nötig ist. Ich habe diese Dinge zu wenig angenommen.

 

Pater Thomas war immer ganz lieb auch wenn man nicht seine Wellenlänge gehabt hat. Er liess einen leben. Er war froh um jeden Posten, den er behalten konnte, zum Beispiel das Geld zu verwalten. Er ist früher nie mit den anderen vom Engadin zusammen ans Kapitel gegangen. Sobald ich dort war, habe ich ihm gesagt er solle mitkommen und heute frei machen. Wenn er nicht gerade zuviel zu tun hatte, ist er gekommen.

 

Er hat mit 19 oder 20 in der Konditorei die Lehre fertig gemacht und ist dann nach Schaffhausen und hat dort in einer Bäckerei/Konditorei gearbeitet, in der es Schaffhauserzungen und andere wunderbare Spezialitäten gegeben hat. Er war so talentiert und intelligent, er hat ja zweimal eine Klasse im Gymnasium übersprungen.

 

In Disentis sagte er manchmal: «Was hat denn da der Bruder Roman, der Bäcker wieder gemacht?» Pater Thomas’ Augen waren ein bisschen spitzbübisch.

 

In Rumein hat er sehr hart gearbeitet, er hat die Kirche renoviert und am Sonntag gepredigt. Es hat dann am Sonntag immer geheissen, Benedikt geh nach Vrin zum Predigen. Pater Thomas hat mir die Predigt auf Romanisch gegeben und es hat dann immer geheissen, sie predigen ja besser als Pater Thomas. Da musste ich schmunzeln. Ab und zu hat er ein bisschen schnell gepredigt und man hat ihn nicht so ganz verstanden.

 

Wir haben die schönsten Ferien gehabt, bei Pater Thomas hinten. Er war Chef vom Beneviziat Rumein. Das habe ich immer genossen, das war wunderbar. Ich habe sieben Jahre mit Pater Thomas zusammengelebt und das war sehr schön. Ich habe Pater Thomas bewundert in seiner tiefen Religiosität. Am Morgen ist er immer früh aufgestanden, ich habe ihn einmal am Morgen am Boden draussen gefunden, er hatte noch das Pyjama an und lag am Boden.

 

Pater Thomas hat mich immer ausgependelt, aber ich habe es nie angenommen. Dumm, aber ich habe es so gemacht. Ich habe als Patient nie etwas von ihm angenommen. Aber ich könnte Hunderte von Menschen aufzählen, die hoch begeistert sind oder waren von Pater Thomas. Warum ich das nicht geglaubt habe? Wenn man um solche Leute wohnt, die das können, glaubt man nicht so daran. Aber es gibt keinen rationalen Grund dafür. Pater Thomas ist nie auf das Geld ausgewesen.

 

Pater Thomas hat drei Bücher geschrieben. Ich kenne seine Schriften nicht, vielleicht sollte ich sie mal lesen. Er hat viel in der Gassetta Romontscha geschrieben. Es sind religiöse Artikel gewesen. Damals als er da hinten war, er war natürlich selbständig, sind die Priester vom ganzen Dekanat vorbeigekommen. Er hat ihnen immer etwas Supergutes erzählt, am Anfang hypermodern, und dann sind solche gekommen, die ihn links überholt haben, der Cathomas von Breil und dann ist er in die Opposition gegangen. Er war der erste der die Osternacht eingeführt hat, das war damals ein Ereignis. Später hat er immer gebremst, aber die Leute haben das geschätzt.

 

Er hat auch Theater geschrieben. Er war kaum ein Jahr in Müstair, hat er ein Theater geschrieben in Jaur, im Unterengadiner Dialekt. Einmal hat Pater Thomas in den Ferien immer eine Torte gemacht, die war sehr gut, das war ein Fest. Wir haben auch lange zusammen die Übersetzung von Pius XII gebetet. Man hat immer das vom Hironimus gebetet vom Jahr 500 ungefähr bis 1956 und dann ist die neue Übersetzung herausgekommen. Wir beide, er der relativ mittelalterliche dazumal und ich der ganz junge, haben einfach die neue Übersetzung genommen. Er hat übrigens in Rumein auch immer gute Kurse gegeben. Er hat auch Bücher geschrieben, Tischgebete oder so Sachen. Er war ein sehr interessanter Mann. Er ist immer gerne mitgekommen. Er hat es genossen, mit den Kollegen die alt und älter geworden sind zusammen zu sein. Amen

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